Es gibt ein Land, das gibt es eigentlich gar nicht. Es ist ein Zwischenreich, gelegen eingekeilt zwischen Erster und Zweiter Liga. Seine Bewohner sind Wanderer zwischen den Welten, nie ganz erstklassig, nie ganz zweitklassig. Es heißt Relegationien. Sein Herrscher - ungeschlagen, unbezwungen - ist der 1. FC Nürnberg. Jener 1. FC Nürnberg, der durch seine beiden Siege über den FC Augsburg in Verbindung mit seiner Erstligasaison klar machte: Für die Erste Liga sind wir eigentlich zu schwach, aber für die Zweite Liga definitiv zu stark.

 



Deutlich wird dieses Phänomen auch an Personen wie dem Relegator, Christian Eigler. Während der Erstligasaison traf der 26-jährige gerade drei Mal ins Tor der Gegner. In der Relegation traf er im Rückspiel in Augsburg erstmals nicht in einem Spiel. Man könnte auch Juri Judt anführen. In der Bundesliga teilweise gnadenlos überfordert, in der Relegation sogar so ausgebufft einen Zweitligakicker so zu frustrieren, dass dieser sich nur mit einer Tätlichkeit zu helfen weiß.

 

Nun soll die Leistung der Mannschaft des FCN in den beiden Relegationsspielen nicht klein geredet werden. Sie war, wie im Vorjahr auch, über 180 Minuten die eindeutig bessere Mannschaft in der Relegation. Die Augsburger fanden keinerlei Mittel gegen den Glubb ins Spiel zu kommen. Ihr großer Wunderstürmer Michael Thurk fiel über beide Spiele nur durch unglaubliche Provokationen und Hinterhältigkeiten auf, nicht jedoch durch Torgefahr. Auch der Rest der Fuggerstädter vermittelte nie den Eindruck irgendwann einmal den ersten Pflichtspielsieg gegen den FCN in 34 Jahren einfahren zu können.

Natürlich war dafür die Organisation des FCN mitverantwortlich. Die Organisation, die beim FCN dank Dieter Hecking eingekehrt ist. Der gebürtige Ruhrgebietler hat dem Club nämlich in der Rückrunde zumindest den Schliff verpasst, dass das Defensivspiel und auch das Spiel aus dem eigenen Verteidigungsdrittel hinaus nun ordentlicher verlaufen. Dies bedeutet noch keine Kabinettsstücken, kein offensives Feuerwerk, keinen „One-Touch-Football“, doch es bedeutet eine sicherere Defensive und einen konzentrierten Spielaufbau. Dieser artet dann manchmal zwar in gefühlten 95 Rückpässen pro Spiel in Richtung Raphael Schäfer aus, leichtfertige Ballverluste sollen damit allerdings vermieden werden.

Gegen Augsburg wurde diese sehr rigide und sehr klare Defensivvorstellung blendend umgesetzt. In beiden Spielen zusammengenommen hatten die Augsburger eigentlich kaum Torgelegenheiten, zeigten nie, warum in der abgelaufenen Spielzeit nur fünf Mannschaften im deutschen Profifußball mehr Tore erzielt hatten als sie. Auf der anderen Seite zeigte sich jedoch auch kaum, warum nur zwei Mannschaften im deutschen Profifußball weniger Tore geschossen haben als der FCN.

Zu erahnen war dies noch im Hinspiel als der Glubb einige gute Torchancen liegen ließ, als jedoch im Rückspiel Ilkay Gündo ans Fernschuss im Tor der Gastgeber einschlug, waren alle Sturmsorgen vergessen. Auch hier zeigte sich der Klassenunterschied, in der Bundesliga wäre dieser Ball wahrscheinlich zur Seite abgewehrt worden, in Relegationien aber, im Reich des FCN, schlägt der Ball im Tor ein. Wie anders dieses Reich ist, fiel auch in Sachen Elfmetern auf. In der gesamten Bundesligasaison hatte der FCN einen einzigen Elfmeter zugesprochen bekommen, in Relegationien erhält dessen König gleich deren zwei in zwei Spielen. Dass davon nur einer seinen weg ins Tor fand, ist weniger königlich, doch andererseits können in Relegationien auch nicht alle Naturgesetze ausgehebelt werden.

Naturgesetze, die sich in der vergangenen Spielzeit herauskristallisiert hatten: Marek Mintal ist beliebt, aber nicht mehr torgefährlich; Javier Pinola ist beleibt und kassiert viele Gelbe Karten; Andy Wolf ist beliebt und baut haarsträubende Fehler in sein Spiel ein; Mike Frantz ist beliebt und wird ausgewechselt. Naturgesetze, die auch in der kommenden Spielzeit und auch außerhalb Relegationiens Bestand haben werden.

Wie dieses Leben in der Realität außerhalb Relegationiens aussehen soll, dafür müssen in den kommenden Wochen nun die Weichen gestellt werden. Die Leihspieler kehren, so sieht es aus, allesamt zu ihren Stammvereinen zurück, Broich und Gygax sind schon zu Gämsen und Koalabären verschwunden, weitere Abgänge dürften folgen. Die Saison hat gezeigt, allem Jubel über den Klassenerhalt am Ende zum Trotz, das im vergangenen Sommer viele Fehler gemacht worden sind. Die Entscheidung der Aufstiegsmannschaft zu vertrauen war ebenso falsch, wie die Einschätzung, dass Michael Oenning die Fähigkeiten dazu besitze, mit der Mannschaft in der Bundesliga zu bleiben. Das Resultat waren 12 Punkte in der Hinrunde und Platz 17.

In der Winterpause wurde dann mit den Verpflichtungen von Dieter Hecking, Andreas Ottl und Breno richtig nachgesteuert, auch wenn ein zusätzlicher Stürmer sicherlich auch hilfreich gewesen wäre. Dennoch wurde im Januar das Hauptproblem in der fehlenden Defensivorganisation ausgemacht und phasenweise behoben. Rang 12 in der Rückrundentabelle belegt, dass in der zweiten Halbserie wesentlich besser gearbeitet wurde. Dennoch darf nun nicht der Fehler des Vorjahrs wiederholt werden. Nur mit echten Verstärkungen und klarem Ansprechen der Problemzonen (allen voran der Bereich Kreativspieler und Stürmer) kann eine Rückkehr nach Relegationien ernsthaft verhindert werden. Es ist zu hoffen, dass dies erreicht wird denn einäugiger König unter den Blinden zu sein, ist lange nicht so befriedigend wie mit beiden Augen klar in die Zukunft sehen.